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Monatsandacht – Lass mich in Frieden … warten!

Lass mich in Frieden … warten!

Wartet ihr gerne? Nein? Ich schon! Naja, nicht unbedingt darauf, beim Zahnarzt als nächster dranzukommen (komischerweise fällt mir der immer erst im Dezember ein…), sondern eher auf schöne Ereignisse oder Dinge. So macht es mir überhaupt nichts aus, wochenlang auf ein Band-Shirt zu warten, dass ich in den USA bestellt habe – irgendwann kommt es und dann kann ich sagen: Das Warten hat sich gelohnt! Meine 7jährige Tochter Emilia wartet offensichtlich auf Weihnachten.

Gestern überraschte sie mich damit, dass aus unserem Autoradio statt der üblichen Mark Forster-Melodie plötzlich (bei gleicher Lautstärke!) „Es ist ein Ros entsprungen“ dröhnte. „…Von Jesse kam die Art!!!“. Die Texte des großen Propheten Jesaja, die das Kommen des Heilands ankündigen, gehören natürlich in diese Adventszeit. Ich erinnere mich an eine Tageslosung von Anfang November: „Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!“ Naja, dachte ich damals, Furcht ist gerade eher nicht mein Thema, eher Wut. Ärger über bestimmte Verhältnisse oder Personen… Jetzt lese ich weiter bei Jesaja 35: „…Rache kommt, die Vergeltung Gottes!“ Aha?!  „Er selbst kommt und wird euch retten. Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet.“ Und es folgen lange Beschreibungen paradiesischer Zustände, die nach Gottes Erscheinen anbrechen werden, was es einem ja doch schon vorweihnachtlich warm ums Herz werden lassen könnte, wäre da nicht dieser interessante Anfangsteil mit Rache und Vergeltung!

Jesaja schrieb diesen Text vor gut 2500 Jahren. Zu dieser Zeit hatten die Babylonier die Israeliten militärisch besiegt und große Teile der Bevölkerung ins Exil verschleppt. Den Menschen aus Israel war klar: Bevor alles gut werden könnte, müsste dieses Unrecht natürlich gerächt werden! Dieses Denkschema ist uralt und gleichzeitig immer noch aktuell, die Konflikte zwischen Völkern laufen nach bekanntem Schema ab: Dem einen ist Unrecht getan worden, das muss erst (mit Gewalt!) gerächt werden, vorher braucht man über Frieden gar nicht reden. Nachher dann auch nicht, denn vermutlich folgt der nächste Vergeltungsschlag. Wie schwer es ist, aus diesem Schema herauszukommen, sehen wir täglich in den Nachrichten. Oder in der Schule, auf der Straße oder in der Familie: „Du hast mir was getan, deshalb wünsche ich, dass du genauso verletzt wirst wie ich. Und wenn ich das nicht schaffe, dann hoffe ich, dass das Schicksal oder Gott höchstpersönlich dir das heimzahlen, was du mir angetan hast.“ Klingt irgendwie kindisch, trotzdem nachvollziehbar: Wenn man so richtig verletzt ist, dann können die wenigsten einfach sagen: „Schwamm drüber!“, die meisten wollen einen Ausgleich dafür oder irgendetwas, das alles wieder in Ordnung bringt. So geht es vermutlich auch Jesaja, wenn im Text zuerst von Rache und Vergeltung die Rede ist, bevor dann das Schöne kommt.

Wichtig ist aber: In diesem Text wollen die Menschen nicht selbst Vergeltung üben. Gott soll das regeln. In ihrer Vorstellung bedeutet das Rache an den Feinden des Volkes Israel. Das kennen wir aus vielen biblischen Texten, ist aber auch heute noch aktuell. Und Gott? Gott lässt auch Unrecht geschehen auf der Welt. Das mussten die Israeliten lernen, das haben auch wir schon gemerkt. Wir bekommen nicht immer mit, dass es für Unrecht Vergeltung gibt. Schon gar nicht so wie wir Menschen das manchmal gerne hätten.

Vermutlich hat Jesaja mit diesem Text den Menschen damals klarmachen wollen: Es ist wichtig, Gott zuzutrauen, dass er das in Ordnung bringt, was wir nicht in Ordnung bringen können. Ich meine, dass das auch heute gilt. Ich glaube, dass Gott kommt, schon jetzt, wenn wir uns auf diese Vorstellung einlassen können.

Ich warte auf Gott. Seid ihr dabei? Also, ich warte gern.

(Mark Heming)